für Querflöte, Stimme und Elektronik
nach Überzeichnungen von Ernst Blochs Geist der Utopie
Komposition, Überzeichnungen, Elektronik (Pure Data) und Bild: Michael Pinter
Querflöte: Erik Drescher
Stimme: KI-generierte Stimme nach historischen Aufnahmen von Ernst Bloch (1961)
AI Voice Cloning: Lirry Pinter
Projektbeschreibung
Das Projekt ist ein Werk für Querflöte, Stimme und Elektronik, das auf Ernst Blochs frühem Hauptwerk Geist der Utopie (1918) basiert — insbesondere auf dessen musiktheoretischen und musikphilosophischen Passagen. Den Ausgangspunkt bilden Überzeichnungen: Der Komponist und bildende Künstler Michael Pinter hat die Seiten des Buches mit neuen visuellen Arbeiten überzeichnet — expressiven, gestischen Einschreibungen in Tusche und Farbe, die den gedruckten Text überlagern, durchkreuzen und transformieren. Diese Überzeichnungen sind zugleich Bild und Partitur: Jede bearbeitete Seite wird zu einem Takt, die grafische Energie der Zeichnung zur kompositorischen Anweisung.
In der Aufführung kommen drei Ebenen zusammen. Erik Drescher interpretiert die grafischen Partituren auf der Querflöte und übersetzt die visuellen Gesten in Klang. Michael Pinter steuert live mittels Pure Data die elektronische Klangebene sowie die visuelle Projektion der Überzeichnungen, sodass Bild und Ton in Echtzeit miteinander verschmelzen. Die dritte Ebene ist die Stimme: Gesprochene Passagen aus Blochs Text — und hier eröffnet sich eine besondere Möglichkeit — von einer KI-rekonstruierten Stimme Ernst Blochs selbst.
Für diese Option wurde eine historische Tonaufnahme von Ernst Bloch aus dem Jahr 1961 aufbereitet und restauriert. Lirry Pinter hat die Aufnahme einer umfassenden Klangrestaurierung unterzogen — Entfernung von Rauschen und Netzbrummen, Spektralbereinigung, Dynamikanpassung — um sie als Grundlage für ein KI-gestütztes Voice Cloning zu nutzen. Die so rekonstruierte Stimme könnte Blochs eigene Worte aus dem Geist der Utopie sprechen und damit dem Werk eine gespenstische Präsenz verleihen: der Philosoph, der in sein eigenes Buch hineinspricht, Jahrzehnte nach seinem Tod.
Konzeptioneller Hintergrund
Blochs Geist der Utopie ist eines der ungewöhnlichsten philosophischen Werke des 20. Jahrhunderts — ein Text, der selbst musikalisch denkt. Für Bloch ist Musik das Medium, in dem sich das Unausgesprochene, das Erhoffte, das Noch-Nicht artikuliert. Michael Pinters künstlerischer Ansatz nimmt diese Idee beim Wort: Anstatt den Text zu vertonen, zeichnet er ihn über. Die Überzeichnungen respektieren das Original und zerstören es zugleich — sie machen die Seite zum Palimpsest, in dem Philosophie, bildende Kunst und Musik untrennbar ineinander greifen.
Das Prinzip „eine Seite – ein Takt“ schafft eine direkte strukturelle Entsprechung zwischen Buch und Komposition. Der Flötist liest die Überzeichnungen als grafische Partitur; die Elektronik verarbeitet die Bilder in Echtzeit zu Klang und Projektion; die Stimme trägt den Originaltext vor. So entsteht ein Gesamtkunstwerk, in dem Lesen, Sehen und Hören gleichzeitig stattfinden.
Das Prinzip „eine Seite – ein Takt“ schafft eine direkte strukturelle Entsprechung zwischen Buch und Komposition. Der Flötist liest die Überzeichnungen als grafische Partitur; die Elektronik verarbeitet die Bilder in Echtzeit zu Klang und Projektion; die Stimme trägt den Originaltext vor. So entsteht ein Gesamtkunstwerk, in dem Lesen, Sehen und Hören gleichzeitig stattfinden.
Beteiligte
Michael Pinter (Komposition, Überzeichnungen, Elektronik/Bild) ist der Initiator und künstlerische Leiter des Projekts. Er hat die Seiten von Blochs Geist der Utopie mit neuen visuellen Arbeiten überzeichnet und daraus eine Komposition für Querflöte, Stimme und Elektronik entwickelt. In der Aufführung steuert er live die elektronische Klang- und Bildebene mittels Pure Data.
Erik Drescher (Querflöte) ist ein in Berlin ansässiger Flötist, der sich auf zeitgenössische und experimentelle Musik spezialisiert hat. Er interpretiert die Überzeichnungen als grafische Partituren und übersetzt deren visuelle Energie in Klang.
Lirry Pinter (AI Voice Cloning) hat die historische Aufnahme von Ernst Bloch aus dem Jahr 1961 restauriert — einschließlich Rauschentfernung, Brummfilterung und Spektralbereinigung — und daraus mittels KI-Technologie ein Stimmmodell erstellt, das Blochs Stimme für die mögliche elektronische Sprachkomponente des Werkes reproduzieren kann.
Bedeutung und Relevanz
Das Projekt verbindet bildende Kunst, Musikphilosophie, zeitgenössische Komposition, Live-Elektronik und künstliche Intelligenz auf eine Weise, die in der aktuellen Kunstlandschaft singulär ist. Es stellt grundlegende Fragen: Was geschieht, wenn ein philosophischer Text zur grafischen Partitur wird? Wie verändert sich ein Buch, wenn es überzeichnet, überspielt und übersprochen wird? Kann eine KI-rekonstruierte Stimme die Aura des Originals bewahren — und was bedeutet es, wenn ein Denker, der stets von der Zukunft sprach, durch die Technologie dieser Zukunft wieder zu Wort kommt?
Das Werk leistet einen Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Technologie und künstlerischer Praxis und eröffnet neue Perspektiven auf das Schaffen Ernst Blochs — eines der bedeutendsten und zugleich am wenigsten erschlossenen philosophischen Werke der Moderne. Die Überzeichnungen bilden dabei den Kern: Sie sind kein Kommentar zum Buch, sondern ein neues Werk, das aus dem alten hervorgeht und es weitertreibt — ganz im Sinne von Blochs eigenem Denken des Noch-Nicht.